Pflegestelle – elementarer Baustein unserer Arbeit und ein tiefer Stich ins Herz
Pflegestellen: Elementarer Baustein im Tierschutz
Sogenannte Pflegestellen (auch Pflegeplätze oder Kurzzeitstellen) gibt es nicht nur in der Tierschutzarbeit rund um Hunde (hier betätigt sich die Tierhilfe Hohe Tatra e.V.) sondern auch bei den meisten Einrichtungen und Vereinen, die sich im Tierschutz engagieren. Allgemein gesagt nehmen Pflegestellen Tiere auf, die einen empathischen und liebevollen Zwischenstopp benötigen, bis sie die Reise in ein neues Zuhause antreten können.
Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben, unserer Erfahrung nach sind die häufigsten folgende:
Alter der Tiere
Gerade in unserer Arbeit zeigt sich immer wieder, dass ein gewisses Alter bei Hunden dazu führen kann, dass sich schwerer für Sie ein Zuhause finden lässt. Nachvollziehbar, denn selbstverständlich wünschen sich viele Menschen einen jungen, lebensfrohen Hund! Trotzdem sind Hunde, die schon 5,6 oder auch 8 Jahre alt sind immer noch quietschfidele Frohnaturen die eine Menge Energie mitbringen. Können wir diese Hunde zeitlich befristet bei einer unserer Pflegestellen unterbringen, birgt das viele Vorteile: Videos, die den Charakter des Hundes einfangen machen ihn „greifbarer“, eine Einschätzung zu Bedürfnissen, Fähigkeiten und unter Umständen auch Herausforderungen, die dieser Hund mitbringt lässt sich leichter treffen und nicht zu vergessen, Menschen, die diesen Hund kennenlernen möchten, haben die Möglichkeit dazu.
Krankheit oder medizinische Anforderungen
Nicht alle unsere Hunde sind kerngesund. Oft werden sie von den Mitarbeitenden unserer Partnertierheime mit schweren Verletzungen (z.B. eingewachsenen Halsbändern, gebrochenen Beinen oder Pfoten) aufgegriffen und in Sicherheit gebracht. Die medizinische Erstversorgung übernehmen unsere Partnertierheime mit finanzieller Unterstützung durch uns. Das ist auch wichtig, denn, wie du dir vorstellen kannst, ist es für uns ein No-Go ein Tier, dass noch unter schweren Verletzungen leidet, auf die lange Reise nach Deutschland zu schicken. Auch Hautkrankheiten, Allergien oder Parasitenbefall sind häufige Themen, die unsere Hunde erst meistern müssen. Jetzt fragst du dich, was hat das mit Pflegestelle zu tun? Genau. Wie du dir vorstellen kannst, sind viele Verletzungen nicht mit einem Besuch beim Tierarzt abgeschlossen. Gerade die Nachsorge, z.B. dauerhafte Medikationen oder Physiotherapie können in Deutschland besser angepackt werden, als in der Slowakei. Nicht falsch verstehen: Die tierärztliche Versorgung dort ist toll, viele Tierärzte:innen arbeiten eng mit unseren Partnertierheimen zusammen und leisten fantastische Arbeit. Dennoch ist die Abdeckung mit therapeutischen Angeboten hier in Deutschland deutlich höher, wir können direkt auf unser Netzwerk aus Therapeuten:innen, Tierärzten:innen zugreifen und nicht zuletzt die finanziellen Folgen, die solche Behandlungen natürlich nach sich ziehen, sind für uns „vor Ort“ einfacher zu managen.
Optik und Charakter
Es ist kein Geheimnis und auch nicht verwerflich: Wir alle „verlieben“ uns in die Optik eines Hundes, die einen mehr, die anderen weniger. Nicht umsonst gibt es weltweit über 1.000 Hunderassen die oft eben auch mit dem Erscheinungsbild zu tun haben. Auch der Charakter, der vielen Hunderassen zugeschrieben wird, hat oft damit zu tun, für welchen Hund wir uns entscheiden. Das geht dir vermutlich so, uns auf jeden Fall. Der eine kann sich einen Hund unter 15kg nicht vorstellen, die andere möchte unbedingt einen Hund, der sich perfekt z.B. für Tricks üben eignet und wieder ein anderer Mensch hat eine Vorliebe für Labradore. Auch wenn wir uns wahrscheinlich alle am Ende des Tages in den Charakter unserer Hunde am meisten verlieben, können wir uns doch eingestehen, dass auch wir Hundemenschen „Vorurteile“ haben – wir sind hier ja unter uns.
Konsequenzen für die Vermittlung
Leider hat das für manche unserer Hunde die Konsequenz, dass sich – egal wie viel Mühe wir uns geben und wie oft wir sie auf Instagram, Facebook, TikTok oder Website präsentieren – keine Menschen finden und diese Hunde viel länger im Tierheim bleiben, als das gut für sie ist.
Da ist die Malinois-Schäferhund-Mischlingsdame, einer Kombination, vor der viele Menschen einfach Angst haben, da ist der tiefschwarze Labrador-Mix oder die Hündin mit drei Beinen. Bitte nicht falsch verstehen! Wir können das vollkommen nachvollziehen. Trotzdem wünschen wir uns natürlich, dass genau diese Hunde ein tolles Zuhause finden.
Was steckt in diesem Hund?
Genau hier kommen wieder unsere Pflegestellen ins Spiel. Sind solche Hunde erst einmal in Deutschland, wird es viel einfacher, ihren wirklichen Charakter herauszufinden. Also z.B. wie kommt so ein Hund mit dem Leben in einer Wohnung zu recht statt in einem Tierheim-Zwinger? Wie leicht oder schwer fällt es ihm, sich in unserer Gesellschaft zu bewegen? Da kann es sein, dass sich die Malionois-Schäferhund-Dame als absolut liebenswürdiger, ruhiger und ausgeglichener Familienhund auszeichnet oder sich Menschen in das „Klappohr“ eines kleinen Mischlingsrüden verlieben. Videos, die offene Kommunikation unserer Pflegestellen zu möglichen Interessenten:innen und die Erfahrung mit Hunden, die unsere Pflegestellen bei der Einschätzung dieser Hunde mitbringen, machen es möglich.
Denn – ein Bild sagt zwar mehr als tausend Worte, aber ein Video zeigt oft in wenigen Sekunden, wie der Charakter und die Wirkung eines Hundes sind, die sich sonst nur in tausenden Worten beschreiben lassen würden.
Können die Tierheime das nicht machen?
Vielleicht fragst du dich jetzt: Ja, aber warum machen dann die Tierheime nicht genau diese Arbeit? Berechtigte Frage mit einer einfachen Antwort: Sie haben schlicht nicht die Zeit, Möglichkeiten und Kapazitäten. Für viele Hunde macht es einen großen Unterschied, ob sie sich im stressigen Tierheimalltag von Zwinger zu Freilauf bewegen oder in einem (temporären) Zuhause ankommen können. Dazu kommen die ständigen Notfälle, Rettungs- und Sicherungsaktionen, gar nicht zu reden von der finanziellen und personellen Knappheit, die in unseren Partnertierheimen vorherrscht. Einfach gesagt: Wir, als Verein, möchten diese zusätzliche Belastung den Menschen vor Ort erst gar nicht aufbürden, die auch so schon jeden Tag Übermenschliches leisten.
Welche Aufgaben hat eine Pflegestelle?
Wenn du neugierig bist, ob eine Aufgabe als Pflegestelle für dich etwas wäre und du damit den Tierschutz unterstützen könntest, dann wird dich dieser Punkt am meisten interessieren. Eigentlich kann man die Aufgabe einer Pflegestelle recht einfach zusammenfassen:
Ankommen lassen
Ganz egal, ob dein Pflegehund aus einem Tierheim kommt, ob er von einer Familie abgegeben wurde oder gerade von der Straße gerettet wurde: Es wird erstmal ein Schock für diesen Hund sein, aus seinem Umfeld gerissen worden zu sein, egal wie schlimm die Verhältnisse vielleicht auch waren. Du brauchst also erst einmal Geduld. Hunde reagieren auf diesen „Kulturschock“ ganz unterschiedlich.
Manche brauchen Ruhe, ziehen sich zunächst zurück. Bei anderen hat man das Gefühl, dass sie vollkommen überdreht und nervös sind, kaum zur Ruhe kommen. Wieder andere reagieren sehr ängstlich, vielleicht auch aggressiv. So oder so bist du der sichere Hafen, der Ankerpunkt für diese Hunde. Hier hilft Empathie und Einfühlungsvermögen. Ist dein Pflegehund sehr nervös, bist du der Ruhepol. Zeigt er sich ängstlich, gehst du mutig voran ohne ihn oder sie zu überfordern. Ist dein Pflegehund aufdringlich und auf Eroberungskurs, zeigst du liebevoll Grenzen auf.
Einschätzen
Das tollste an dir als Pflegestelle ist, dass du schnell eine erste Idee zu deinem Pflegehund haben wirst. Worauf kommt es an, braucht dieser Hund eher Ruhe, braucht er Auslastung? Ist er freundlich zu Menschen oder eher zurückhaltend? Kann er schon die wichtigsten „Basics“ (z.B. Sitz, Platz, kennt er seinen Namen…) oder gibt es hier noch Trainingsbedarf? Wie zeigt er sich gegenüber Umweltgeräuschen, bei dir Zuhause, draußen, gegenüber Kindern?
Kurzum: Du bist unser Ohr am Herzen dieses Hundes und sammelst alles, was dir auffällt, damit wir gemeinsam den richtigen Menschen für deinen Hund finden können.
Vermittlung
Wenn du das Gefühl hast, dass du deinen Pflegehund „verstanden“ hast und weißt, worauf es ankommt, dann kommt die wichtigste und schwierigste Phase: Die Vermittlung. Keine Angst: Du wirst hier von uns immer eng begleitet und kannst dich jederzeit rücksprechen.
Wenn sich die ersten interessierten Menschen melden, sprichst du mit ihnen über deinen Pflegehund und checkst die wichtigsten Voraussetzungen. Ob zum Beispiel die Interessenten ländlich wohnen oder mitten in der Stadt. Haben sie Hundeerfahrung? Passen die Interessen dieser Menschen mit deiner Einschätzung zu deinem Pflegehund zusammen? Kurzum: Du selektierst vor, denn du bist die:der Experte für diesen Pflegehund.
Du hast das Gefühl, da könnte ein tolles Mensch-Hund-Team zwischen diesen Interessenten und deinem Pflegehund entstehen? Dann vereinbarst du ein erstes Kennenlernen und bekommst ein Gefühl, wie dein Pflegehund auf diese Menschen reagiert. Ein paar Mal zusammen Gassi gehen, vielleicht mal eine Trainingsstunde gemeinsam besuchen… du machst genau das, was du für deinen Pflegehund als richtig erachtest.
Wenn auch das klappt, dann besuchst du mit deinem Pflegehund deine Wunsch-Interessenten und schaust dir das zukünftige Zuhause einmal vor Ort an. Wenn auch das passt: Juhuu! Du hast ein Zuhause gefunden und einem Hund den Weg in ein tolles Leben ermöglicht.
Und wenn es nicht passt? Tja, dann geht die Suche weiter!
Nachkontrolle
Du wirst schnell feststellen, dass du ein paar Wochen später wissen möchtest, ob es deinem Pflegehund in seinem neuen Zuhause gut geht. Das ist auch genau richtig so und wünschen wir uns auch. Darum erfolgt nach 10-14 Tagen immer eine Nachkontrolle im Zuge deren du deinen Pflegehund nochmal in seinem neuen Zuhause besuchst.
Wichtig
Keine Angst: Du bist während der gesamten Zeit nie alleine. Du kannst dich jederzeit mit anderen Pflegestellen und dem Vorstand austauschen, gerne Begleiten wir dich auch bei ersten Treffen oder zur Nachkontrolle. Was möglich ist, machen wir auch möglich. Ganz wichtig: Offene Kommunikation und keine Angst auch einmal zu sagen „Das möchte ich nicht alleine übernehmen…“. Gerade wenn man zum ersten Mal die wichtige Aufgabe einer Pflegestelle übernimmt, ist das viel Verantwortung die sich gemeinsam leichter tragen lässt.
Wie wird man Pflegestelle?
Das ist ganz einfach. Auf unserer Website findest du den Link zu unserem Bewerbungsformular. Hier kannst du dich einfach als Pflegestelle bewerben. Wir freuen uns schon darauf, dich persönlich kennen zu lernen!
Könnte ich Pflegestelle sein?
Das ist etwas, das nur du ganz alleine entscheiden kannst. Aber wir können dir vielleicht ein paar Tipps an die Hand geben, die dir die Entscheidung einfacher macht.
Erfahrung mit Hunden
Vorerfahrung mit Hunden ist auf jeden Fall hilfreich. Denn du musst von der ersten Sekunde ein Gefühl dafür entwickeln, was dein Pflegehund braucht und ja auch später sein Verhalten und seine Bedürfnisse, auch seine Ecken und Kanten einschätzen können.
Zeit
Gerade am Anfang und in den ersten Wochen der Eingewöhnungszeit kann es sein (und ist auch wahrscheinlich), dass dein Pflegehund mehr Aufmerksamkeit benötigt als ein Hund, der das Zusammenleben mit uns Menschen schon gewohnt ist. Du solltest also gut über deine Zeit verfügen können oder ein paar Tage Urlaub, gerade für die ersten Tage einplanen können. Wichtig: Nicht jeder Hund kann sofort für längere Zeit alleine bleiben!
Flexibilität
Wirklich wichtig ist, dass du flexibel bist. Selbstverständlich sprechen wir im Vorfeld über deinen Pflegehund. Auch unsere kooperierenden Tierheime sind gut darin, eine erste Einschätzung unserer Hunde vorzunehmen. Trotzdem verhalten sich unsere Hunde in einem ersten Zuhause oft anders als im Tierheim. Wer vorher ruhig und zurückhaltend war, blüht in der Sicherheit einer liebevollen Pflegestelle vielleicht schnell auf und stellt sich als aktive Frohnatur heraus. Die Flexibilität, sich auf ein „Hunde-Überraschungspaket“ einzulassen, solltest du unbedingt mitbringen.
Ein großes Herz & Empathie
Wenn du dich für Tierschutz interessierst, bringst du ein großes Herz und Empathie sowieso schon mit! Aber deinen Pflegehund in sein neues Zuhause zu lassen, ist eine ganz besondere Herausforderung die genau das erfordert: Ein großes Herz und Empathie. Was ist also die Herausforderung an der Aufgabe Pflegestelle?
Herausforderung Pflegestelle
Du erinnerst dich sicher: Die Überschrift dieses Artikels lautet „Elementarer Baustein und ein tiefer Stich ins Herz“. Warum für uns Pflegestellen ein elementarer Baustein sind, ist wahrscheinlich schon klar geworden. Ohne die tollen, engagierten Menschen, bei denen wir uns an dieser Stelle im Namen aller unserer vermittelten Hunde bedanken wollen, hätten viele unserer Hunde schlicht keine Chance auf ein würdiges und liebevolles Zuhause. Danke an jede:n Einzelne:n von euch: Ihr seid großartig!
Der Haken an der Aufgabe Pflegestelle
Trotzdem hat die Aufgabe als Pflegestelle einen großen Haken, denn als Pflegestelle entscheidest du dich ganz bewusst für ein „Zuhause auf Zeit“. Du lässt einen Hund in dein Leben, du gibst ihm ein Zuhause. Du versuchst, herauszufinden, was er braucht, welche Menschen zu ihm passen würden. Welche Ecken, Kanten und Herausforderungen bringt er mit. Kurz gesagt: Du wirst dich jeden Tag ein bisschen mehr in dieses fellige, vierbeinige Bündel verlieben. Ihr verbringt zusammen Zeit, übt vielleicht schon die ersten Tricks, schaut mal zusammen beim Tierarzt vorbei, kämpft oder schlendert durch Hundebegegnungen, kurz gesagt: Ihr lebt zusammen. Vielleicht nur ein paar Tage, vielleicht viele Wochen bis sich die passenden Menschen finden.
Du teilst dein Leben – auf Zeit
Ich glaube, du wirst mir nicht widersprechen, wenn ich die Behauptung aufstelle: Lässt man einen Hund so in sein Leben, baut man eine tiefe Bindung auf. Das alles mit dem Ziel, diese vier Pfoten, die dein Zuhause, vielleicht auch deine Couch mit dir teilen, die dir vielleicht Sorgen bereiten, mit Sicherheit aber ganz viel Freude bescheren, wegzugeben. Ja, so hart muss man es formulieren: Du gibst diesen Hund weg. Ein Mitglied aus unserem Verein hat das sehr passend beschrieben: „Der Moment, wenn du die Tür zuziehst und weißt, jetzt ist dieser Hund dort, wo er hingehört und das ist nicht bei mir, das fühlt sich an wie Verrat.“ Es ist ein Moment, der dich zerreißen kann – zwischen der unglaublichen Freude, dass auch diese kleine Hundeseele endlich ein Zuhause hat und der tiefen Trauer, dass ein fester Teil deines Lebens der letzten Tage, Wochen oder vielleicht sogar Monate jetzt fehlen wird.
Damit muss man erst einmal lernen zurechtzukommen und das lässt sich auch nicht weg reden. Wir wollen an dieser Stelle trotzdem jedem hundefreundlichen Menschen, der schon einmal darüber nachgedacht hat, Pflegestelle zu werden, von ganzem Herzen Mut zureden. Denn – solltest du dich dazu entschließen, Pflegestelle bei der Tierhilfe Hohe Tatra zu werden, hast du immer Menschen um dich, die dir den Rücken stärken und mit dir gerne über genau solche Situationen reden.
Pflegestellen sind Lebensretter
Noch viel wichtiger: Ohne dich hätte dieser Hund, den du da eben in sein neues Zuhause entlassen hast, wahrscheinlich noch sehr lange die Stunden und Tage gezählt, bis er oder sie endlich eine Chance auf ein Zuhause bekommen hätte – vielleicht sogar Jahre. Du bist also Möglichmacher:in, du bist das Sprungbrett, du bist der oder diejenige, die einen Teil von sich selbst hergibt um einem Hund wortwörtlich das Leben zu retten. Auch wenn es wehtut und ein tiefer Stich ins Herz ist.
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